Friesischer Rundfunk

Der Sender

Es wird Zeit zu gehen ...

In Niedersachsen haust seit elf Jahren ein kleiner Fernsehsender, der großes Kino macht. Das Programm besteht aus einer Mischung von Pfiff, Wahnsinn, Witz, Genialität und Charme. Es ist Fernsehen der anderen Art. Oder auch besser ausgedrückt: Mehr anders geht nicht!

Klappern gehört zum Geschäft, sagt man. Zu dick auftragen ist nicht immer gesund. Trotzdem gibt es ein paar Fakten, die sind halt da und dürfen ruhig ausgesprochen werden. Zum Beispiel ist der Friesische Rundfunk der größte regionale Fernsehsender in Niedersachsen. Und noch eine interessante Zahl: Über 400.000 Kabelhaushalte können den Friesischen Rundfunk empfangen.

Um Bilder aus diesem Land und von den heimischen Menschen zu senden, sind enorme Anstrengungen und Aufgaben zu bewältigen. Weite Wege zum Beispiel sind nicht immer einfach und die Zeit sitzt ständig im Nacken. Für den entferntesten Drehtermin werden rund zwei Stunden Fahrzeit für nur eine Strecke benötigt. Somit verbringen die Videoreporter die meiste Arbeitszeit im Auto.

FRF auf allen Kanälen
Der Friesische Rundfunk hat ein sehr großes Sendegebiet. Der Sender nutzt das analoge und digitale Kabelnetz von Vodafone/Kabel Deutschland, um das Programm auszustrahlen. Hinzu kommen einige private Kabelnetzbetreiber, sowie zukünftig LWL TV von EWE und Entertain von der Telekom. So kann man den Friesischen Rundfunk analog und digital von der Stadtgrenze Hamburg bis hin zur Bundesgrenze von Holland anschauen. Ein weiterer wichtiger Übertragungsweg ist der FRF-Livestream. Rund ein Fünftel der Zuschauer nutzen diese Möglichkeit. Häufig sind es Menschen, die sich in den Fernsehsender bei einem Urlaub an der Küste oder auf einer der Inseln verliebt haben und ihn dann weit entfernt in ihrer Heimat regelmäßig über das Internet schauen.

Auch auf den friesischen Inseln kann man den Fernsehsender empfangen. So gehört er auf Borkum, Juist, Norderney, Langeoog und Wangerooge für die Einwohner und die Urlauber zum festen Bestandteil des Tages.

Auch wenn der Friesische Rundfunk eine Programmschleife sendet, so liegt das Signal ständig im Funkhaus an und jederzeit kann der Sender live in das Programm eingreifen. Die Hoheit über das Videosignal liegt beim FRF. Was hier so einfach und normal klingt, ist für einen Regionalsender nicht üblich.

Gewaltiger Werbeträger für die Region
Der Friesische Rundfunk hat sicherlich das schönste Sendegebiet auf dieser Erde. Die Küste mit ihren Menschen und ihrer Natur - FRF ist überall zu finden. Kein anderer Fernsehsender hat in der Vergangenheit so vielfältig und vielzählig die niedersächsische Küstenregion bis weit ins Binnenland präsentiert und nach draußen getragen. Kein Politiker, kein Verein, kein Tourismusverband, keine Zeitung hat diese enorme Werbung für das Land geschafft. Kein Fernsehsender hat mehr Meer gezeigt, als der FRF. Knapp 19.000 Beiträge aus der Region mit allen erdenklichen Themen - das muss man erst einmal nachmachen. Nur erkannt haben diesen gewaltigen Werbeeffekt die wenigsten Entscheider in der Region. Sie verteilen lieber Vierfarb-Prospekte mit einem Bollerwagen in der Fußgängerzone von Leverkusen. Dabei könnten die Küstenorte doch mit einem kleinen Fernsehspot die Arbeit des Senders unterstützen. Es gibt auch Zahlen: In den vergangenen elf Jahren FRF wurden von Tourismusverbänden zwei Spots gebucht.

Der Friesische Rundfunk haust nicht unter einer Autobahnbrücke
Besucher des FRF-Pavillons haben die Möglichkeit hinter einer langen Glaswand das Produktionsgeschehen im Funkhaus live zu erleben. Das nutzen viele Gäste und sind erstaunt, wie dicht man an dem Fernsehsender verweilen kann. Fast jeder Interessierte steht mit offenem Mund vor der Glasscheibe. So viel Technik hatte man nicht erwartet. Über 100 Monitore und rund 20 Fernsehgeräte sind für den Besucher sichtbar, der im Regelfall eine ganze Weile braucht, um sich zu orientieren. Ständig gibt es etwas neues zu entdecken. Das Funkhaus wurde extra so eingerichtet, dass aus dem Pavillon heraus fast alles eingesehen werden kann. Oft sitzen da Menschen stundenlang bei Kaffee und Kuchen und beobachten das emsige Treiben.

Wenn Reisebusse vor dem Funkhaus stehen, ist eine Funkhausführung angesagt. Rund 5.000 Menschen im Jahr nutzen diese Möglichkeit, vieles vom Friesischen Rundfunk zu erfahren und nehmen auch an einer Live-Aufzeichung teil. Hier kann man schon erkennen, dass sich der FRF in viele Herzen gesendet hat. Natürlich tauchen bei den Führungen immer wieder Fragen auf. Zum Beispiel wie viele Menschen den Fernsehsender schauen? Dazu liegen auch klare Zahlen vor. FRF ist im Sendegebiet quotenmäßig gleichauf mit n-tv und besser als N24, DMAX, VIVA und 3Sat. Der weiteste Seherkreis beträgt 44 Prozent. Das bedeutet, dass in den letzten 14 Tagen 44 Prozent der Kabelhaushalte im Sendeland beim Friesischen Rundfunk reingeschaltet haben. Von solch einer Quote können andere Regionalsender nur träumen.

FRF mit Startschwierigkeiten
Das Mediengesetz wurde in Niedersachsen 2010/2011 geändert. Vorher war privater und regionaler Rundfunk in diesem Bundesland verboten. FRF sendete vor dieser Zeit als Teleshopping-Sender ohne Verkaufsabsicht und berichtete über Land und Leute ohne Ton. Damals durften keine Lippensynchron-Beiträge gezeigt werden. Ein einzigartiges Projekt, das es bis dato in Deutschland nirgendwo gegeben hat. In der Anfangszeit im Jahr 2005 wurde das Team um Karl-Heinz Sünkenberg belächelt. Zwei Jahre später feierte am 19. September der Friesische Rundfunk seinen zweijährigen Geburtstag. Über 4.000 Menschen standen vor der Bühne. Spätestens da wurde klar, dass der Sender so viel nicht falsch gemacht hat. Dass das Mediengesetz in Niedersachsen geändert wurde, basierte allein auf Leistung des Friesischen Rundfunks. So hat der FRF maßgeblich dafür gesorgt, dass ab 2011 auch andere Regionalsender in Niedersachsen an den Start gehen durften.

Der Start des FRF im Jahr 2005 war alles andere als einfach. Zum einen gab es ein tägliches Programm ohne Ton und zum anderen war der Sender plötzlich bei der hiesigen Zeitungslandschaft ein Dorn im Auge. Anstatt gemeinsame Wege zu gehen, nahmen die Verlage ihre Flinte in die Hand und begannen scharf zu schießen. Genau 12 Anzeigen gingen im Laufe der Zeit bei der Niedersächsischen Landesmedienanstalt ein. Zum Beispiel musste die NLM auch einmal klären, ob ein Lachen im FRF-Programm zu hören und gleichzeitig der Lachende auch zu sehen sein darf, denn das wäre ja lippensynchron.

Die Tage der Angriffe waren im Jahr 2011 schlagartig vorbei, denn gleich sieben Verlage stiegen beim Friesischen Rundfunk ein. Durch die Änderung des Mediengesetzes durfte der damalige und jetzige Senderchef Sünkenberg nicht mehr allein sein. Mindestens drei Gesellschafter mussten sich laut Gesetz aufgrund der Meinungsvielfalt die 100 Prozent des Unternehmens teilen. Und so war der Firmengründer der einzige private Gesellschafter, der Rest waren Zeitungsverlage. Und diese Verlage konnten sicherlich eine gute Zeitung machen, aber die wenigsten hatten Erfahrungen im Fernsehgeschäft. TV ist neben Print und Hörfunk das wohl teuerste Medium. So ein Regionalsender wie der FRF brauchte trotz Sparsamkeit im Jahr rund 650.000 EUR.

Wieso verschlingt ein Regionalsender so viel Geld?
Im Prinzip ist es egal, wie viele Zuschauer ein Regionalfernsehsender hat - die Arbeit ist immer gleich. In unserer Region muss man für zehn Mitarbeiter pro Jahr rund 400.000 EUR einplanen. Hinzu kommen die Unterhaltungskosten (Strom, Gas, Wasser, Miete usw.) für das Funkhaus und für den Fuhrpark, der aus acht Fahrzeugen besteht. Dann sind da noch die Einspeisekosten in das Kabelnetz von über 100.000 EUR usw. usw. - Ruckzuck kommt schnell die Summe von 650.000 EUR zusammen.

Da der FRF keine Zuschüsse oder andere Zuwendungen bekommt, muss alles durch den Werbezeitenverkauf gedeckelt werden. Und die Werbekunden stehen nicht jeden Morgen Schlange vor dem Funkhaus. Viele Telefonate und Überzeugungskraft ist da gefragt. Im Regelfall lässt ein Werbekunde etwa 1.400 EUR pro Monat beim FRF. Im Klartext würde das bedeuten, dass 464 Spots (39 pro Monat) produziert, verkauft und gesendet werden müssen, um die Kosten zu decken. Dass das nicht klappen kann, versteht sich von selbst. Auch wenn es der FRF wirklich schaffen sollte, so wären 39 Fernsehspots pro Sendung (60 Minuten/ bzw. 30 Minuten) nicht mit dem Mediengesetz im Einklang und der Zuschauer würde auch nicht jeden Tag 20 Minuten Werbung pro Stunde akzeptieren.

Es gibt ein paar Infos über Regionalfernsehsender, die man wissen sollte: Kein Regionalsender in Deutschland arbeitet rentabel - alle werden durch rückwärtige Gesellschaften (darunter häufig Verlage) subventioniert und jeder Regionalsender hat eine Mannschaftsstärke von mindestens 20 Mitarbeitern (FRF hat inzwischen nur sechs Mitarbeiter).

Dennoch hat der Friesische Rundfunk auch eine starke Leistung vorzuweisen. Der Fernsehsender generiert durchschnittlich pro Jahr rund 500.000 EUR Umsatz. Somit dürfte der FRF der umsatzstärkste Regionalsender in ganz Deutschland sein. Der Marktwert des Friesischen Rundfunks würde bei etwa 1,5 Millionen EUR liegen.

"Mitarbeiter retten den Friesischen Rundfunk"
so lauteten damals die Schlagzeilen. Doch im Prinzip war es Sünkenberg zu verdanken, dass der Friesische Rundfunk auch nach November 2015 noch sendete, denn er hatte die clevere Idee, die Mitarbeiter ins Spiel zu bringen.

Vermutlich sind die Verlage 2010/2011 nur mitgezogen, weil sie damals nicht wussten, wohin der Weg mit dem Bewegtbild führt. Das ist den Verlagen dann im November 2015 bewusst geworden, nachdem immer noch rote Zahlen auf dem Zettel standen. Nach fünf Jahren stiegen die Verlags-Gesellschafter quasi über Nacht aus. Ein Verkauf des Unternehmens an eine andere Gesellschaftergruppe kam nicht in Frage, denn die Konkurrenz sollte überschaubar bleiben. Der Plan war: FRF einfach abwickeln, einstampfen und fertig. Aber selbst eine Abwicklung wäre für die Gesellschafter nicht kostengünstig gewesen. Auch eine Insolvenz wurde damals geprüft. Doch ein beauftragter Fachanwalt bescheinigte den Gesellschaftern, dass der FRF zum Zeitpunkt der geplanten Schließung weit von einer Insolvenz entfernt war. Schließlich machte der Geschäftsführer Karl-Heinz Sünkenberg in letzter Sekunde den Vorschlag, den FRF an die eigenen Mitarbeiter zu übergeben. Keine Abfindungen, keine direkte Konkurrenz - da konnte niemand mehr nein sagen.

Großes Kino von den Zuschauern
Der Deal hatte Vor- und Nachteile. Der FRF und die Arbeitsplätze wurden erhalten, aber es stand auch plötzlich keine Kapitaldecke mehr zur Verfügung. Alle Ausgaben mussten sich nun mit den Einnahmen decken. Die Zuschauer waren ebenfalls erschrocken und sammelten Spenden ein. Irgendwie sollte es weitergehen. Durch übereifrige Zuschauer und halbwissenden Schlaumeiern wurde das Gerücht verbreitet, dass sich nun die Mitarbeiter haushoch mit dem Kauf des Unternehmens verschuldet hätten. In dem Kaufvertrag steht zwar eine Verschwiegenheitsklausel, aber so viel darf gesagt werden: Bis auf Firmenchef Sünkenberg hat kein Mitarbeiter mehr als 3,00 EUR investiert und ist niemals mit seinem Privatvermögen in Haftung getreten. Anders sieht es beim Firmengründer aus, der sein ganzes Vermögen mitsamt Rente in den Sender gesteckt hat.

Derzeitiger Stand am 23.05.2017
Am Mittwoch, den 26.04.2017 hat der FRF-Pavillon (Mieter des ehemaligen Bürgerhauses, FRF ist Untermieter) durch eine Botin die Kündigung der Räumlichkeiten an die Gemeinde Sande überbracht. Am Freitag, den 28.04.2017 wurde mit einem Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung Sande über die ersten Rückbau-Schritte gesprochen. Der Friesische Rundfunk wird im Sommer das Funkhaus verlassen, später folgt der FRF-Pavillon. Bereits vor Eingang der Kündigung war bereits in der NWZ zu lesen, dass die SPD-Fraktion den Vorschlag gemacht hat, das ehemalige Bürgerhaus zu verkaufen: Geprüft werden soll zudem eine Verkaufsoption des ehemaligen Sander Bürgerhauses, „auch unter der Bedingung der Kündigung des Pachtvertrags“.

Nun werden wieder Fragen auftauchen, wieso der FRF die Ortschaft Sande nach fast 10 Jahren verlässt? Antworten gibt es bald - hier!